Die Hirnforschung und Neurobiologie hat sich in den letzten 20 Jahren zu einem so hochspezialisierten Fachgebiet mit komplexen Theorien und einer riesigen Fülle von Messergebnissen entwickelt, dass ein genauer Überblick und eine Urteilsbildung darüber dem Nichtfachmann kaum noch möglich ist. Die oft als »harte Fakten« und mit großer Überzeugungskraft vorgetragenen Ergebnisse werden jedoch immer mehr zum »Allgemeinwissen«. Sie beanspruchen die Deutungshoheit für die seelischen und geistigen Bereiche des Menschen und vermitteln uns das Bild, dass unser Ichbewusstsein lediglich auf neuronalen Prozessen beruht, die sich im Laufe der biologischen Evolution entwickelt haben. Lern- und Aufmerksamkeitsstörungen werden mit hirnorganischen Ursachen erklärt, die Möglichkeit eines freien Handelns des Menschen häufig bestritten und eine auf sich selbst gegründete Individualität als Fiktion angesehen. Tatsächlich findet ein erbitterter Kampf um das Bild des Menschen statt. Während das menschliche Ich vom Hirnforscher und Verhaltensphysiologen Gerhard Roth als »Fiktion, ein Traum des Gehirns« bezeichnet wird, betrachtet Thomas Fuchs, als Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie, das Gehirn als Beziehungsorgan und erklärt: »Die Welt ist nicht im Kopf. Das Subjekt ist nicht im Gehirn. Im Gehirn gibt es keine Gedanken.« Hinter dieser Problematik verbirgt sich die Grundfrage nach der wechselseitigen Beziehung von Gehirn und Bewusstsein. An dieser Stelle setzt die Dissertationsschrift (Universität Witten/Herdecke) von Johannes Wagemann an.
Er entwirft im Teil I seines Buches eine »Charakterskizze des Gehirns« und stellt diese jener des Bewusstseins gegenüber. In vier Kapiteln analysiert er dazu zunächst einzeln und unvermischt neurobiologische Befunde und Theorien, philosophische, psychologische und phänomenologische Ansätze und reflektiert das methodische Vorgehen der Neurobiologie. Das Ergebnis lässt sich mit dem in seinem Untertitel verwendeten Begriff Neuromythos zusammenfassen. In seiner Analyse der methodischen Vorgehensweise heutiger Hirnfunktionstheorien weist Wagemann unzulässige Wechsel der Erklärungsebenen und Deutungsmuster nach, ungenauen Sprachgebrauch und Analogiebildungen. Er widerlegt den Begriff der »neuronalen Selbstorganisation« und die weit verbreitete Ansicht, das Gehirn integriere Sende- und Empfangsqualitäten und bilde Bewusstsein. Vielmehr zeige sich durchgehend die Tendenz zur Strukturauflösung und Diversifizierung. Er sieht im Gehirn »keine in irgendeiner Weise auf Bewusstseinsbildung hinweisenden Faktoren« und formuliert: »Warum sollte ein menschliches Organ wie das Gehirn, welches rein physiologisch angesehen keinen Sonderstatus gegenüber den anderen Organen beanspruchen kann und welches sich in Entwicklung, Physiologie und Architektur nicht prinzipiell von seinem animalischen Vorläufer unterscheidet, in Bezug auf seine Vergleichsobjekte aber einen Qualitätssprung von der (unbewussten) Selbstausschließung zur (bewussten) Selbstbezüglichkeit vollzogen haben«?
Weil das Gehirn »durch seine organisch determinierte Funktion keinen Bewusstsein ermöglichenden Selbstbezug hervorbringen kann«, sollte, so folgert Wagemann konsequent, die mentale Selbstbezüglichkeit »dort gesucht werden, wo sie tatsächlich erscheint: Im menschlichen Bewusstsein selbst«. Damit lenkt Wagemann den Blick in Richtung der »Selbstbeobachtung phänomenalen Bewusstseins«. Als mögliche Ansatzpunkte dafür werden Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit ebenso diskutiert wie Ken Wilbers Integrale Psychologie, als Versuch, verschiedene Richtungen der Psychologie und Spiritualität zu einem System zusammenzufassen. Nach der kritischen Untersuchung weiterer gängiger Bewusstseinsphilosophien und Definitionen des Bewusstseins testiert er ihnen unzulässige Erweiterungen ihrer Geltungsansprüche und erkenntnistheoretische Lücken. Hinsichtlich der akademischen Psychologie wird gezeigt, wie diese einen schweren Stand gegenüber der Hirnforschung hat, weil ihr gegenwärtig eine eigenständige und einheitliche methodische Fundierung fehlt. Neuere Forschungen, wie etwa die zu Bewusstseinszuständen bei Nahtoderfahrungen, sind im Buch noch nicht enthalten und würden das Bild noch erweitern. Als Frucht dieser ernüchternd wirkenden Analyse sind in jedem Falle die Anforderungen klar geworden, die an eine »Reformulierung des Gehirn-Bewusstseins-Problems« gestellt werden müssen.
Im Teil II wird in drei Kapiteln als möglicher Lösungsansatz die Strukturphänomenologie Herbert Witzenmanns dargestellt. Ausgehend von der Grundproblematik des Verhältnisses von Natur- und Geisteswissenschaft versucht Wagemann Wege zu zeigen, wie der Gegensatz zwischen Monismus und Dualismus durch ein prozessuales Verständnis der Bewusstseinsentstehung aufgehoben werden kann. Als Beispiel für einen Ansatz zur Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung, wenn auch im Bereich der Naturwissenschaft, wird Goethes Aufsatz »Der Versuch als Vermittler zwischen Objekt und Subjekt« angeführt. Die Thematik der Beobachtung des Denkens bei Steiner liefert den »Aufweis von Zuständen des Bewusstseins, die nicht die Form der Objekt-Subjekt-Spaltung haben, dennoch aber einer geschulten Selbstbeobachtung zugänglich sind«. Die Konsequenz des von Wagemann vorgeschlagenen Lösungsansatzes wird in der Formulierung deutlich: »Mit der Beobachtung des Denkens stellt sich dem heutigen Bewusstseinsforscher also eine Bewusstseinsaufgabe: Selbsterkenntnis im Sinne des eigenen (mit-)erzeugenden Erkennens«. Zwei Grundbedingungen zur Lösung der Gehirn- Bewusstseins-Problematik könnten damit erfüllt werden: Erstens die Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung als Charakteristikum des naturwissenschaftlichen Methodenideals und zweitens die reflexive Anwendbarkeit jeder Aussage zur Problematik auf das sich im Bewusstsein ereignende Forschen selbst. Diese Bedingungen sieht Wagemann in der von Witzenmann entwickelten Strukturphänomenologie ansatzweise erfüllt, weshalb sie eine Brücke zur neurowissenschaftlichen Diskussion schlagen könnte. Die von Steiner beschriebene Vereinigung von Wahrnehmung und Begriff bezeichnete Witzenmann als »Urversuch« und griff diesen Grundzug goetheanistischer Erkenntniswissenschaft so auf, dass er an die heutige Form der Bewusstseinsforschung anschlussfähig sein kann. Durch die Methode der prozessualen Beobachtung bietet sich auch ein Lösungsansatz für die von einigen Neurobiologen aufgeworfene Frage dar, wie das Gehirn nach der zuerst vollzogenen Dekomposition (Entstaltung) visueller Gebilde wieder ein einheitliches Gesamtbild als Rekomposition erzeugen kann.
Auch wenn Wagemann zeigen möchte, dass es Wege zum Verständnis der Gehirn-Bewusstsein- Problematik gibt und berechtigt hofft, dass diese im Dialog zwischen Hirnforscher und Bewusstseinsforschern beschritten würden, bleibt der Dreh- und Angelpunkt doch die notwendige Beobachtung des Bewusstsein aus einer Erste- Person-Perspektive. Ansonsten bliebe, so meine ich, vieles doch letztlich auf der Ebene von Hypothesen und »Erklärungsmodellen«. Ein solcher Verständnis fördernder Dialog wäre durchaus möglich und die empirisch-phänomenologischen Befunde könnten als Bestätigung für das zu entwickelnde transkategoriale Konzept angesehen werden. Die fundamentale Bedeutung dieser Wissenschaftserweiterung unterstreichend formuliert Wagemann: »Der Eintritt in diese Forschungsart wäre eine Neukultivierung wissenschaftlichen Denkens und Beobachtens von paradigmatischer Reichweite«.
Das Buch verlangt dem Leser mit seiner Fülle an Fachbegriffen, Einzelthemen und methodischen Reflexionen einiges an Gedankenarbeit ab und ist keine leichte Kost. Das entspricht einerseits durchaus der Thematik, aber auch dem Autor, der damit seinen wissenschaftlichen Anspruch ebenso deutlich macht, wie seine Kenntnisse aus seinen Studien der Elektrotechnik, Physik, Mathematik und Philosophie. Erholsam und hilfreich wirken einzelne Praxisbeispiele wie die zur reinen Wahrnehmung oder zur intentionalen Handhabung von Sinneswerkzeugen. Es wäre dem Buch angesichts des Stellenwertes der darin behandelten Thematik sicherlich zu wünschen, irgendwann in leichter verständlicher Form ein breiteres Publikum zu erreichen. Anderseits lohnt die mühsame Durcharbeitung unbedingt, denn der Neuromythos »ist eines der selbstgemachten Gefängnisse, in die sich das Denken unserer Zeit begeben hat. Aber da es selbstgemacht ist, kann sich der Mensch auch aus eigener Kraft daraus befreien.« Diese Freiheit muss sich jeder Menschen selbst erarbeiten; sie kann nicht gegeben werden. Die Studie von Johannes Wagemann kann aber in Verbindung mit der darin behandelten Strukturphänomenologie ein Wegweiser und Helfer auf dem Weg zu dieser zentralen Entwicklungsoption des Menschen sein.
Andreas Meyer